Gott ist noch lange nicht weg

Oktober 2, 2026

Gott ist noch lange nicht weg

17,7 min read

Begleiten Sie uns auf dieser Reise

Holen Sie sich ein Stück Italien direkt in Ihren Posteingang.

Deel deze notitie

Über Italien, die Kirche und einen Glauben, der auch ohne Gläubige weiterlebt

Wer Ende Oktober in Italien mit einem Strauß Chrysanthemen unter dem Arm bei jemandem vor der Tür steht, sollte dafür besser eine sehr gute Erklärung haben. In den Niederlanden stehen sie ganz selbstverständlich neben Rosen und Tulpen in der Vase; hier gehören sie vor allem den Toten. Sie blühen spät, sind robust und halten lange und wurden so zu den Friedhofsblumen schlechthin rund um Ognissanti, Allerheiligen am 1. November, und la Commemorazione dei Defunti am 2. November, im Volksmund schlicht i Morti genannt. Die Verbindung mit Friedhöfen, Trauer und Tod ist inzwischen so stark, dass man mit einem Strauß Chrysanthemen als Gastgeschenk ziemlich danebenliegen kann. Ist die Empfängerin abergläubisch, wird vermutlich sofort auf Holz geklopft oder mit einer anderen kleinen Geste das Unglück abgewehrt. Alles ist besser, als sich mit dem Gedanken anzufreunden, gerade Blumen bekommen zu haben, die eigentlich eher auf das eigene Grab gehören.

In den Tagen rund um i Morti sieht man, wo diese Blumen tatsächlich landen. Die Friedhöfe füllen sich mit Familien, manchmal mit drei Generationen gleichzeitig. Gräber werden geputzt, Vasen gefüllt, Fotos abgestaubt, und zwischen den Grabsteinen trifft man Bekannte, die genau dasselbe tun. Der eine bekreuzigt sich, die andere spricht ein Gebet, jemand steht einfach nur einen Moment still. Gleichzeitig wird gefragt, wie es den Kindern geht, man spricht über Krankheiten, Enkelkinder und alles, was seit dem letzten Besuch passiert ist. Die Grenze zwischen Gedenken und gesellschaftlichem Leben ist hier weniger scharf gezogen, als wir es in Nordeuropa gewohnt sind. Selbst unter den Toten bleibt das italienische Leben erstaunlich lebendig.

Viele der Menschen, die dort mit Blumen unterwegs sind, saßen am Sonntag davor nicht in der Kirche. Manche bezeichnen sich als katholisch, andere als cattolico non praticante, als nicht praktizierende Katholiken, und wieder andere glauben kaum noch oder gar nicht mehr. Trotzdem besuchen sie das Grab ihrer Eltern, so wie ihre Eltern es getan haben und deren Eltern vor ihnen. Die katholische Vorstellung einer Verbindung zwischen Lebenden und Toten ist über Generationen mit Familie und Erinnerung verschmolzen. Man muss längst nicht mehr dasselbe glauben, um noch immer dasselbe zu tun.

Und das gilt für vieles in Italien. Der Glaube verliert an Boden, doch die Welt, die die Kirche in fast zweitausend Jahren um ihn herum geschaffen hat, verändert sich wesentlich langsamer. Wer nicht mehr an Gott glaubt, lässt damit weder die Kirchtürme aus der Landschaft verschwinden noch die Fresken aus den Rathäusern, die kleinen Kapellen von den Landstraßen oder die Klöster von den Hügeln. Heiligennamen bleiben in den Familien, katholische Feiertage im Kalender und Kirchen im Zentrum fast jeder alten Stadt. Selbst wer mit Religion grundsätzlich nichts zu tun haben möchte, kommt an ihrer sichtbaren Präsenz kaum vorbei. Die Kirche steht buchstäblich mitten auf der Piazza, prägt oft die Silhouette eines Dorfes und blickt von so manchem Hügel über die Landschaft.

Auch der Kalender ist erstaunlich hartnäckig katholisch geblieben. Weihnachten und Ostern verstehen sich von selbst, doch am 6. Januar feiern wir Epifania, am 15. August fällt Ferragosto mit Mariä Himmelfahrt zusammen, am 1. November ist Ognissanti und am 8. Dezember Immacolata Concezione, Mariä Empfängnis. Dazu hat fast jeder Ort seinen eigenen Schutzheiligen, dessen Festtag vor Ort sogar ein arbeitsfreier Tag sein kann. Die Italienische Republik ist offiziell ein säkularer Staat, doch selbst ein überzeugter Atheist wird sich nur selten darüber beschweren, wenn ihm die Unbefleckte Empfängnis im Dezember einen freien Tag beschert.

Ganz aus dem Alltag verschwunden sind auch die Heiligen nie. Wer etwas verloren hat, kann natürlich danach suchen – Sant’Antonio um Unterstützung zu bitten, kann aber nicht schaden. Für die Augen ist Santa Lucia zuständig, für hoffnungslose Fälle San Giuda Taddeo und für die Tiere San Francesco. Und dann hat jedes Dorf noch seinen eigenen himmlischen Favoriten, der bisweilen mit einer Hingabe verteidigt wird, die verdächtig an die Treue zum örtlichen Fußballverein erinnert. Ein Italiener kann einem ausführlich erklären, dass er eigentlich überhaupt nicht gläubig sei, und fünf Minuten später vorschlagen, eine Kerze anzuzünden, weil jemand operiert werden muss. Glaube, Gewohnheit und ein gewisses non si sa mai – man weiß ja nie – vertragen sich hier ausgesprochen gut.

Auch die Vornamen tragen diese Vergangenheit weiter. Francesco, Giuseppe, Giovanni, Antonio, Lucia, Chiara, Maria: Generationen von Kindern bekamen den Namen eines Heiligen, oft zugleich den eines Großelternteils, sodass Himmel und Familiengeschichte ganz selbstverständlich ineinanderflossen. Mit dem Namen bekam man außerdem einen onomastico, den Namenstag des eigenen Heiligen. In manchen Familien wird er noch gefeiert, in anderen gibt es zumindest einen Anruf mit auguri. Ein Land, das Familie, Essen und Feiertage liebt, hatte schließlich nie viel gegen einen zusätzlichen Anlass, etwas auf den Tisch zu stellen.

Dass all das mit einer kleinen religiösen Minderheit im Römischen Reich begann, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Christ zu sein war damals kein kulturelles Erbe, sondern zeitweise eine gefährliche Entscheidung. Christen wurden in verschiedenen Epochen verfolgt, und der christlichen Überlieferung zufolge starben Petrus und Paulus in Rom den Märtyrertod. Im vierten Jahrhundert änderte sich ihre Lage grundlegend: Konstantin verschaffte dem Christentum rechtliche Anerkennung, und gegen Ende des Jahrhunderts wurde das nizänische Christentum unter Theodosius I. zur offiziellen religiösen Norm des Römischen Reiches.

Das Weströmische Reich zerfiel. Der Bischof von Rom blieb. Kaiser verschwanden, Grenzen verschoben sich, Langobarden, Franken, Normannen und andere kamen und gingen. Die italienische Halbinsel blieb über Jahrhunderte in Königreiche, Republiken, Herzogtümer und Stadtstaaten aufgeteilt, während in Rom die geistliche und weltliche Macht des Papstes wuchs. Schließlich regierten die Päpste ihren eigenen Kirchenstaat, der große Teile Mittelitaliens umfasste, darunter Gebiete des heutigen Latium, Umbriens, der Marken und der Emilia-Romagna.

Wer heute durch Mittelitalien fährt, begegnet dieser Geschichte auf Schritt und Tritt. Eine Abtei auf einem Hügel, ein Kloster hinter dicken Mauern, ein Bischofspalast neben der Kathedrale, ein päpstliches Wappen über einem Stadttor: Diese Geschichte hat sich tief in die Landschaft eingeschrieben. Ordensgemeinschaften verwalteten außerdem Land, Schulen, Waisenhäuser, Krankenhäuser und Armenfürsorge. Klöster waren Zentren der Landwirtschaft, des Wissens und der Bildung, und Ordensschwestern spielten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine wichtige Rolle im italienischen Gesundheitswesen.

So begegnete einem die Kirche an fast jedem wichtigen Punkt des Lebens. Kurz nach der Geburt kam die Taufe, später folgten Beichte, Erstkommunion und Firmung. Geheiratet wurde vor dem Altar, und am Ende wurde man kirchlich beerdigt. Die Pfarreien hielten Geburten, Eheschließungen und Todesfälle fest, lange bevor eine moderne staatliche Verwaltung diese Aufgabe übernahm. Von der Wiege über die Hochzeit bis zum Grab war die Kirche immer dabei.

Und auch das, was sich zwischen diesen drei Stationen abspielte, ließ sie keineswegs unberührt. Über Jahrhunderte bestimmte die katholische Moral mit, was in Ehe, Sexualität und Familie als anständig, erlaubt oder sündhaft galt. Die Ehe war fürs Leben, Sexualität gehörte in die Ehe und diente der Fortpflanzung, Männer und Frauen hatten unterschiedliche Rollen. Für Frauen waren die Folgen besonders weitreichend. Eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe konnte den Ruf einer ganzen Familie beschädigen, und eine unglückliche Ehe blieb eben eine Ehe: Eine gesetzliche Scheidung gab es in Italien bis 1970 schlicht nicht.

Das wirkliche Leben ließ sich natürlich nie vollständig nach dem Katechismus organisieren. Und genau darin liegt einer der wunderbarsten italienischen Widersprüche. Schließlich ist dies das Land, das über Jahrhunderte katholische Sexualmoral in die Welt hinaustrug und gleichzeitig eine beeindruckende Menge an Liedern, Filmen, Klatsch und Familiengeschichten hervorgebracht hat, die darauf schließen lassen, dass die Praxis gelegentlich ihre ganz eigene Auslegung bevorzugte. Der Pfarrer wusste viel. Die nonna vermutlich mehr.

Die Mutter wiederum nahm in dieser katholisch geprägten Familienwelt eine beinahe unantastbare Stellung ein. Das berühmte italienische mammismo allein der Kirche zuzuschreiben, wäre allerdings zu einfach. Wirtschaftliche Verhältnisse, regionale Familienstrukturen, der späte Auszug der Kinder und ein vergleichsweise begrenzter Wohlfahrtsstaat spielen ebenfalls eine Rolle. Dennoch hat das katholische Idealbild Marias die Vorstellungen von Weiblichkeit und Mutterschaft über Jahrhunderte mitgeprägt. Maria selbst ist ohnehin kaum zu übersehen. Sie steht in Kirchen und Kapellen, aber auch in Nischen an Hausfassaden und am Straßenrand. Mal mit einer Plastikblume, mal mit einer elektrischen Kerze und manchmal sogar mit einem frischen Blumenstrauß.

Nicht einmal das Essen entkam dem kirchlichen Kalender. Fasten- und Abstinenztage bestimmten über Jahrhunderte, wann Fleisch auf den Tisch durfte und wann nicht, und hinterließen damit ihre Spuren in den regionalen Küchen. Heiligabend war traditionell di magro, also fleischlos; Ostern brachte Lamm, Eier und üppigere Gerichte zurück. In Umbrien gehören zu Weihnachten noch immer cappelletti in brodo di cappone auf den Festtagstisch, oft nach einer Vorbereitung, bei der rund um die spianatoia genügend Pasta produziert wird, um ein kleines Regiment zu versorgen. Selbst hier taucht der Klerus wieder auf: Eine alte Erklärung für den Namen cappelletti verweist auf ihre Form soll an ein kleines Käppchen erinnern, wie es einst auch Geistliche trugen, und ein Bericht aus dem Jahr 1811 erzählt von Priestern, die miteinander wetteiferten, wer die meisten davon essen konnte. Geistliche Mäßigung hatte offenbar ihre Grenzen, sobald eine gute Brühe auf dem Tisch stand.

Auch der Tagesrhythmus kam jahrhundertelang vom Kirchturm. Glocken riefen zur Messe, verkündeten Hochzeiten und Todesfälle, warnten vor Gefahren und teilten den Tag in Stunden ein, lange bevor in jedem Haus eine Uhr hing. Auf dem italienischen Land erledigen sie diese letzte Aufgabe mitunter noch heute mit einem Enthusiasmus, der wenig Rücksicht auf Bewohner nimmt, die morgens um sieben weder eine genaue Zeitansage noch geistlichen Beistand benötigen.

Die Kirche hat also über Jahrhunderte mitbestimmt, wie die italienische Gesellschaft lebte, aß, heiratete, trauerte, feierte, ihre Kinder erzog und über Gut und Böse dachte. Als im 19. Jahrhundert endlich ein italienischer Nationalstaat entstand, musste dieser deshalb nicht nur Fürstentümer und Königreiche zusammenführen, sondern sich auch mit einem Papst auseinandersetzen, der selbst einen beträchtlichen Teil des zukünftigen Landes regierte.

1861 wurde das Königreich Italien ausgerufen, obwohl Rom und einige Gebiete des heutigen Italiens damals noch fehlten. Rom blieb bis 1870 unter päpstlicher Herrschaft, ehe italienische Truppen die Stadt einnahmen; im folgenden Jahr wurde sie Hauptstadt des Königreichs. Pius IX. erkannte die neue Lage nicht an und betrachtete sich selbst als Gefangenen des Vatikans. Nach Jahrhunderten der Teilung hatte Italien endlich eine Hauptstadt – und sich umgehend mit deren berühmtestem Einwohner zerstritten.

Diese Questione Romana, die Römische Frage, zog sich fast sechzig Jahre hin. Erst 1929 einigten sich Papst Pius XI. und die faschistische Regierung Benito Mussolinis. Mit den Lateranverträgen erkannte der Heilige Stuhl das Königreich Italien mit Rom als Hauptstadt an, während Italien den neuen souveränen Staat Vatikanstadt anerkannte. Zugleich wurde der Katholizismus Staatsreligion. So entstand mitten in Rom ein unabhängiger Staat von rund 44 Hektar: kleiner als so mancher italienische Landwirtschaftsbetrieb, politisch allerdings ein gutes Stück einflussreicher.

1984 wurde das Konkordat überarbeitet, und der Katholizismus verlor formell seinen Status als Staatsreligion. Schon seit 1948 betrachtet die italienische Verfassung Staat und katholische Kirche jeweils in ihrem eigenen Bereich als unabhängig und souverän und schützt zugleich andere Glaubensrichtungen. Rechtlich sind Kirche und Staat also getrennt. Nach fast zweitausend Jahren gemeinsamer Geschichte sind allerdings erstaunlich viele gemeinsame Angelegenheiten übrig geblieben.

Manchmal erinnert das an eine typisch italienische Scheidung: Offiziell wohnt jeder für sich, aber beide haben noch den Schlüssel zur Wohnung des anderen und mischen sich regelmäßig in das ein, was hinter der jeweils anderen Haustür passiert.

Das zeigt sich zum Beispiel an den staatlichen Schulen, wo nach wie vor insegnamento della religione cattolica, katholischer Religionsunterricht, angeboten wird. Die Schüler müssen daran nicht teilnehmen, doch das Fach existiert aufgrund von Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche. Die Regelungen werden gemeinsam mit der Italienischen Bischofskonferenz getroffen, und in der offiziellen Begründung wird ausdrücklich auf den Katholizismus als Teil des historischen Erbes Italiens verwiesen.

Und an einem gut sichtbaren Platz in vielen Klassenzimmern, über einer Tür, an der Wand, früher häufig neben der Tafel, hängt noch immer ein Kruzifix.

Dieses kleine Kreuz hat inzwischen eine erstaunliche juristische Karriere hinter sich. 2003 wandte sich der italienische muslimische Aktivist Adel Smith gegen die Kruzifixe in der staatlichen Schule seiner Kinder in Ofena in den Abruzzen. Ein Richter in L’Aquila ordnete zunächst an, die Kreuze aus den betreffenden Klassenräumen zu entfernen. Politiker, Bürgermeister, Eltern und Geistliche stürzten sich auf den Fall. Die Verfügung hatte letztlich keinen Bestand, weil das ordentliche Gericht als nicht zuständig angesehen wurde, doch damit war die Diskussion keineswegs beendet.

Einige Jahre später wandte sich auch Soile Lautsi, eine italienische Staatsbürgerin finnischer Herkunft, gegen die Kruzifixe in der staatlichen Schule ihrer Kinder. 2009 bekam sie zunächst vor einer Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte recht; 2011 hob die Große Kammer dieses Urteil wieder auf. Allein die Anwesenheit eines Kruzifixes reichte nach Auffassung des Gerichts nicht aus, um eine Verletzung der Rechte von Eltern und Schülern festzustellen. 2021 entschied schließlich der italienische Kassationsgerichtshof, die Corte di Cassazione, dass eine Schule das Kruzifix nicht einfach von oben verordnen dürfe: Treffen unterschiedliche Überzeugungen aufeinander, müsse innerhalb der Schulgemeinschaft nach einer vernünftigen Lösung gesucht werden.

Nach all diesen Gerichtsverfahren blieb vor allem eine viel größere Frage: Wem gehört dieses Kreuz eigentlich? Der Kirche und den Gläubigen, oder inzwischen auch einem Land, dessen Kunst, Geschichte und Identität so lange mit dem Katholizismus verwoben waren? Für einen Muslim, einen Juden, einen Atheisten oder einen überzeugten säkularen Italiener kann es ein religiöses Symbol sein, das in einer staatlichen Einrichtung nichts zu suchen hat. Für jemand anderen steht genau dasselbe Kreuz für Geschichte, Familie und Tradition. Deshalb geht es in dieser Diskussion ebenso um Religionsfreiheit wie um die Frage, was man eigentlich unter „italienisch“ versteht.

Während darüber weiter gestritten wird, wird Italien selbst immer weniger kirchlich. 2024 wurden 61,3 Prozent aller Ehen standesamtlich geschlossen, während die Zahl der kirchlichen Trauungen erneut um 11,4 Prozent sank. Selbst bei den ersten Eheschließungen waren standesamtliche Trauungen inzwischen in der Mehrheit. Die regionalen Unterschiede sind beträchtlich, doch die Richtung ist eindeutig.

Taufe, Erstkommunion und Firmung folgen diesen Zahlen nicht ganz so ordentlich. Für manche Familien sind sie weiterhin zutiefst religiöse Sakramente, für andere längst auch Familienfeste. Eine Erstkommunion kann mit der Eucharistie beginnen und mit dreißig Verwandten am Tisch, einer Torte, die kaum durch die Tür passt, und einem Kind enden, das sich vor allem für die Umschläge interessiert, die es bekommen hat.

An Weihnachten ist es ähnlich. Für den einen beginnt das Fest tatsächlich mit der Geburt Christi, für den anderen mit Cappelletti, Panettone und den alljährlichen diplomatischen Verhandlungen darüber, ob bei der eigenen Familie oder bei den Schwiegereltern gegessen wird. Die religiöse Bedeutung kann verblassen, während das Ritual nahezu unversehrt weiterlebt.

Die Kirche verliert ihre Gläubigen schneller, als sich die Gewohnheiten verlieren. Besonders schön sieht man das bei einer festa patronale. Der Heilige wird auf einem imposanten Tragegestell aus der Kirche getragen, für das eine ganze Gruppe kräftiger Männer nötig ist, die Musikkapelle marschiert mit, der Priester folgt, ältere Frauen bekreuzigen sich und Kinder versuchen vor allem, möglichst wenig stillstehen zu müssen. Zurück auf der Piazza warten Essen, Musik, Verkaufsstände und manchmal ein Feuerwerk von solcher Größe, dass man meinen könnte, der Schutzheilige persönlich habe um gute Sicht vom Himmel aus gebeten.

Dazwischen laufen überzeugte Katholiken, gelegentliche Kirchgänger und genügend Einwohner, die an einem normalen Sonntag nur deshalb an der Kirche vorbeikommen, weil die Bar daneben guten Kaffee macht. Trotzdem ist es ihr Heiliger, ihre Prozession und ihr Fest. Der Schutzheilige gehört zum Dorf wie der Glockenturm, der Fußballverein und jene eine Familie, zu der alle ein wenig aufschauen.

Deshalb können religiöse Symbole auch bei Menschen starke Gefühle auslösen, die selbst kaum religiös leben. Glaube ist persönlich, Kultur wird geteilt. Sobald jemand an einem solchen Symbol rührt, kann etwas, das jahrelang kaum beachtet wurde, plötzlich als Teil der eigenen Identität verteidigt werden. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass die Kirche die Italiener eint. Im Gegenteil: Die Geschichte zeigt, wie heftig hier über Religion, Moral und Politik gestritten wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der katholische Einfluss auf die Politik besonders groß. Die Democrazia Cristiana stand jahrzehntelang im Zentrum der Macht, während Italien gleichzeitig die größte kommunistische Partei Westeuropas hatte. In manchen Familien konnte die Entscheidung zwischen DC und PCI fast so heikel sein wie die Frage nach dem richtigen Fußballverein – mit dem kleinen Unterschied, dass am Sonntag von der Kanzel womöglich auch noch etwas dazu gesagt wurde.

Mit der Zeit zeigte sich allerdings, dass ein katholisches Italien keineswegs dasselbe war wie ein gehorsames Italien. 1970 wurde die Scheidung gesetzlich möglich. Die Kirche bekämpfte das neue Gesetz vehement, und es folgte ein Referendum mit dem Ziel, es wieder abzuschaffen. 1974 entschied sich die Bevölkerung dafür, die Scheidung beizubehalten. 1981 kam es zu einer ähnlich grundlegenden Auseinandersetzung um die Abtreibung. Millionen Italiener konnten sich weiterhin kulturell katholisch fühlen und gleichzeitig zu dem Schluss kommen, dass die Kirche nicht länger alles bestimmen sollte, was in einer standesamtlichen Ehe, einem Schlafzimmer oder einem Krankenhaus geschah.

Ihre politische Stimme verschwand deshalb nicht. Auch heute äußern sich die Kirche, die italienischen Bischöfe und der Vatikan zu Familie, Abtreibung, Fortpflanzung, Sterbehilfe und Bildung, aber ebenso zu Armut, Arbeit, Migration, Krieg und sozialer Ungleichheit. Kirchlicher Einfluss lässt sich deshalb nur schwer sauber in „links“ oder „rechts“ einordnen. Ein Politiker kann sich in einer Debatte über die Familie begeistert auf christliche Werte berufen und wenige Tage später von derselben Kirche wegen seiner Haltung gegenüber Migranten kritisiert werden. Kirche und Politik sitzen manchmal am selben Tisch, bestellen aber längst nicht immer dasselbe Gericht.

Und selbst wer sich persönlich und politisch immer weiter von der Kirche entfernt, begegnet ihr irgendwann an einer eher unerwarteten Stelle wieder: in der Steuererklärung. Über das otto per mille-System können Steuerpflichtige angeben, ob ein Anteil in Höhe von acht Promille des gesamten IRPEF-Aufkommens dem Staat oder einer der teilnehmenden Religionsgemeinschaften zugerechnet werden soll. Das Ganze ist komplizierter, als einfach acht Promille der eigenen Steuer zu verschenken; die abgegebenen Entscheidungen bestimmen mit, wie ein wesentlich größerer Betrag verteilt wird. Die katholische Kirche erhält davon mit Abstand den größten religiösen Anteil.

Eine Geschichte, die mit kleinen Gruppen verfolgter Christen im Römischen Reich begann, landet fast zweitausend Jahre später also auch in einem Kästchen auf einem Steuerformular. Selbst der fantasievollste Kirchenvater dürfte diese Entwicklung kaum vorausgesehen haben.

Und bald, wenn der Oktober zu Ende geht, stehen die Chrysanthemen wieder bereit. Familien fahren zum Friedhof. Es wird gefegt und geputzt, bis das Familiengrab wieder gepflegt aussieht. Einer bekreuzigt sich, ein anderer nicht. Kinder hören Geschichten über Oma oder Opa, eine Urgroßmutter, die sie nie kennengelernt haben, eine Tante, die viel zu jung gestorben ist, oder einen Bruder oder eine Schwester, die noch immer schmerzlich vermisst werden. Die Blumen werden hingestellt, und bevor man geht, schaut noch einmal jemand zurück, ob auch wirklich alles ordentlich aussieht.

Der eine glaubt, dass die Menschen, die dort begraben liegen, irgendwo weiterleben. Der andere sieht das ganz anders. Trotzdem stehen sie an diesem Tag nebeneinander auf demselben Friedhof.

Gott muss nicht zu Hause sein, um überall seine Sachen herumliegen zu lassen. Nach fast zweitausend Jahren hat die katholische Kirche in Italien so viele Schichten hinterlassen, dass sich Glaube und Kultur kaum noch sauber voneinander trennen lassen. Ihre formale Macht ist kleiner geworden, ihre moralische Autorität wird häufiger infrage gestellt und die Kirchenbänke sind leerer. Und doch läutet jeden Tag irgendwo eine Glocke über einer Piazza, schaut eine Madonna aus einer Mauernische auf den Verkehr, trägt ein Kind den Namen eines Heiligen, hat jemand wegen eines katholischen Feiertags frei und zieht ein ganzes Dorf hinter seinem Schutzheiligen durch die Straßen.

Traditionen verschwinden nicht einfach, nur weil der Glaube, aus dem sie einmal entstanden sind, nicht mehr selbstverständlich ist. Sie verändern ihre Bedeutung und leben manchmal noch Generationen weiter, nachdem ihr religiöser Ursprung längst in den Hintergrund gerückt ist. So kann ein Italiener, der seit zwanzig Jahren nicht mehr gebeichtet hat, am 2. November mit Chrysanthemen zum Friedhof gehen, sich am 8. Dezember über seinen freien Tag freuen, zu Weihnachten Cappelletti essen, sein Kind taufen lassen und sich gleichzeitig mit voller Überzeugung als non praticante bezeichnen.

In Italien scheint daran nichts widersprüchlich zu sein. Es ist Familie, Tradition, Italien. Und irgendwo, ganz tief darunter, immer noch ein bisschen die Kirche.

Yvette

Gott ist noch nicht weg … und du hoffentlich auch nicht! Abonniere Lavender Notes für weitere Geschichten hinter dem italienischen Alltag. Und wenn du sie gerne liest, darfst du mich auch auf einen Espresso einladen. Natürlich ganz freiwillig, selbst der Vatikan dürfte dagegen kaum etwas einzuwenden haben!