
November 19, 2025
Zwischen Pulverdampf und Kastanien
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Über Wildschweine, Jagdglück und die Ironie der Natur
November in Umbrien.
Die Luft riecht nach Rauch, feuchter Erde und frisch gepresstem Olivenöl. Der Wein ist abgefüllt, die Oliven gepresst, jetzt beginnt die Jagdzeit.
In diesen Wochen ist die caccia al cinghiale, die Wildschweinjagd, in vollem Gange. Von den Wäldern bei Norcia bis zu den Hügeln um Gubbio, von den Tälern von Spoleto bis zu den Feldern rund um den Trasimeno-See, wo ich lebe, hallen die Echos der Gewehrschüsse durch die Hügel wie Donner.
Nach der Ernte scheint das Land plötzlich wieder zu erwachen: Männer in orangen Westen, bellende Hunde, alte Geländewagen voller Geschichten und Erwartungen.
Wer, wie ich, zwischen Olivenhainen und Kastanienwäldern lebt, weiß: Dies ist keine unschuldige Jahreszeit. Der Nebel liegt dichter, die Luft ist schärfer, und mein Pferd spitzt die Ohren, sobald in der Ferne ein Schuss fällt.
Und zwischen Pulverdampf und Echos liegt ein anderer Duft: geröstete Kastanien. Entlang der Dorfstraßen stehen noch immer alte Männer mit ihren caldarroste, die sie über glühender Kohle rösten, die Hände schwarz vom Ruß, die Stimmen warm vom Wein.
Kastanien sind das sanfte Gegengewicht zu dieser rauen Jahreszeit, wo die Jagd Adrenalin bringt, schenken sie Trost und Wärme, eine Erinnerung daran, dass der Herbst nicht nur vom Nehmen, sondern auch vom Geben lebt.

Von Notwendigkeit zum Ritual
Die Jagd in Umbrien ist so alt wie das Land selbst.
Die Etrusker, die hier vor Jahrtausenden lebten, jagten nicht nur zum Überleben, sondern auch aus Ehrfurcht. Für sie war das Töten eines Tieres ein Ritual, man dankte seinem Geist für das Opfer.
Die Römer machten daraus Prestige: Jagen bedeutete Macht, Status, Unterhaltung.
Im Mittelalter war die Jagd dem Adel und der Kirche vorbehalten, doch die Bauern jagten heimlich weiter, weil sie mussten. Ein einziger Hase konnte den Unterschied zwischen Hunger und einer warmen Mahlzeit bedeuten.
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb die Jagd Teil des Überlebens auf dem Land.
Erst mit dem Wohlstand und neuen Gesetzen wurde sie zu dem, was sie heute ist: ein gesellschaftliches Ritual, eine Hommage an die Tradition, ein Vorwand, um mit Freunden in den Wald zu ziehen. Die Gewehre sind moderner geworden, die Geschichten sind geblieben.
Wildschweine, Regeln und ein schwarzer Riese
Heute ist die Jagd streng geregelt. Vor allem bei der Treibjagd auf Wildschweine, der battuta di caccia al cinghiale, müssen die Gebiete deutlich mit roten Schildern gekennzeichnet sein: „Attenzione: battuta di caccia in corso.“
Schießen ist innerhalb von hundert Metern zu bewohnten Häusern verboten, und jeder Jäger braucht eine Lizenz, eine Versicherung und eine Engelsgeduld.
Das klingt beruhigend, aber nicht immer läuft alles nach Plan.
Vor einigen Jahren geriet ich mitten in eine Treibjagd, als ich mit meinem Pferd unterwegs war, meinem großen, schwarzen Riesen, majestätisch, aber mit einem weichen Herzen.
Plötzlich brach um uns ein Lärm los: Rufe, Hundegebell, Schlagen auf Metallfässer.
Eine Jagd war im Gange. An diesem Tag gab es keine Warnschilder.
Mein Pferd bekam Panik. Alles in ihm wollte fliehen, seine Angst war stärker als der Lärm um uns herum. Seine Muskeln spannten sich unter dem Sattel, der Atem ging kurz und heftig. Ich hielt mich fest, sprach beruhigend auf ihn ein, doch sein Instinkt war stärker als meine Stimme.
Erst als wir aus dem Wald heraus waren, kehrte die Stille zurück und mit ihr die Erkenntnis, wie schmal die Grenze ist zwischen Mensch und Natur, zwischen Spiel und Gefahr.
Die meisten Jagdgruppen sind eingeschworene Gemeinschaften. Sie kennen die Wälder besser als jede Karte, wissen, wo die Wildschweine ihre Schlammbäder nehmen und aus welcher Richtung der Wind den Schall trägt. Die Hälfte von ihnen trifft nie etwas, aber darum geht es nicht. Wichtig sind der Kaffee aus Plastikbechern, der Rauch in der Luft,
die Hunde, die vor Aufregung zittern. Es ist ein uraltes Zusammenspiel zwischen Mensch, Tier und Landschaft, mehr Ritual als Ergebnis.
Von Menschen, Tieren und ehrlichem Fleisch
Ich lebe mit Tieren. Ich habe ein Pferd, das mich oft besser versteht als viele Menschen.
Tiere sind ehrlich; sie verstellen sich nicht. Man weiß immer, woran man ist.
Und doch, ich gebe es zu, ich esse manchmal Wild.
Es mag widersprüchlich klingen, aber für mich ist es anders. Ich esse lieber ein Wildschwein, das frei durch die Wälder gestreift ist, genährt von Eicheln, Trüffelresten und Freiheit, als ein Schwein, das nie das Tageslicht sah, vollgestopft mit Antibiotika und Angst.
Wild ist ehrliches Fleisch, keine Massenware, kein Stress, keine Täuschung. Nur Leben, Tod und Dankbarkeit.
Mein Nachbar Luciano, Jäger aus Überzeugung, macht die beste paté di cinghiale der Gegend. „Ohne Leber“, sagt er stolz, „die kann jeder machen.“
Sein Geheimnis? Ein Schuss Cognac oder Rotwein, eine Handvoll Rosmarin und Zeit, „damit das Fleisch zuhört“, wie er sagt. Geduld und Respekt.
Zwischen Instinkt und Freundschaft
Natürlich ist nicht alles an der Jagd romantisch. Jedes Jahr gibt es Unfälle; eine verirrte Kugel, ein Hund, der zu weit vorausläuft, ein Jäger, der ein Glas zu viel getrunken hat.
Die Schlagzeilen sind trocken: „Mit einem Wildschwein verwechselt, Schwager angeschossen.“ Man lacht, aber es ist wahr.
Und doch ist die Jagd für viele Umbrier mehr als ein Sport. Mittags, wenn das Feuer knistert, versammeln sie sich um lange Tische: Schüsseln mit spezzatino di cinghiale,
bruschette getränkt in frischem Olivenöl und selbstgemachter Wein ohne Etikett, aber mit Charakter.
Sie lachen, übertreiben, schweigen. Die Geschichten köcheln wie der Eintopf: langsam, kräftig, mit Zeit. Und irgendwo draußen fallen die letzten Kastanien zu Boden; kleine Erinnerungen daran, dass die Natur weiter schenkt, auch wenn der Mensch nimmt.
Die Lektion der Jagd
Die Jagd hat mich etwas gelehrt, das wenig mit Gewehren zu tun hat. Dass Mensch und Natur untrennbar miteinander verbunden sind, dass Nehmen nur Sinn hat, wenn man auch geben kann und dass Respekt nicht immer leise klingt.
Das Leben auf dem Land lehrt dich, dass Schönheit selten ohne raue Kanten kommt.
Nebel, Feuer, Stille, Schüsse, alles hat seinen Platz. Vielleicht wussten die Umbrier das schon immer: dass gutes Leben nicht bedeutet, das Wilde zu meiden, sondern seinen Rhythmus zu hören.
Yvette


