
September 23, 2025
Die Ernte der Geschichten
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Von Sangiovese bis Sagrantino: wo Wein nicht nur in Fässern reift, sondern auch an langen Tafeln
Ende September atmet Umbrien Trauben und Most. Traktoren mit Kisten voller Traubenbündel schleichen die Hügel hinauf, die Luft ist erfüllt von Stimmengewirr und einem Versprechen: der neue Wein ist im Anmarsch. Die Italiener haben dafür ein wunderbares Wort: la vendemmia, die Weinlese. Und wer sie miterlebt, versteht sofort: sie ist weit mehr als Arbeit. Sie ist ein Fest, eine Tradition, ein Ritual, das Menschen zusammenführt.

Das etruskische Erbe
Diese Tradition reicht weit zurück. Schon zu Zeiten der Etrusker, vor Tausenden von Jahren, floss der Wein reichlich durch diese Täler. Sie gehörten zu den ersten echten Winzern Italiens und exportierten ihren Wein bis nach Griechenland und Südfrankreich. Für sie war Wein nicht nur ein Getränk, sondern ein Ritual: ein Opfer an die Götter, ein unverzichtbarer Teil von Festmählern und sogar ein Begleiter ins Jenseits, wie die in ihren Gräbern gefundenen Becher und Amphoren bezeugen.
Bemerkenswert ist, dass etruskische Frauen ebenfalls Wein trinken durften. Während in Rom Frauen dafür bestraft werden konnten, lagen in Etrurien Männer und Frauen Seite an Seite zu Tisch, jeder mit einem Becher in der Hand. Für die Nachbarn war das skandalös, für die Etrusker war es selbstverständlich. Vielleicht erklärt das, warum Wein in Umbrien auch nach Jahrtausenden weniger nur mit Geschmack, sondern vor allem mit Gemeinschaft verbunden ist.
Von der Traube ins Glas
Wer heute während der vendemmia durch die Hügel geht, sieht, dass der Prozess noch immer mit Handarbeit beginnt. Die Trauben werden in Körbe oder Kisten gelesen, oft von Familien und Freunden, die gemeinsam in den Weinberg ziehen. Dann folgt das Pressen: in modernen Kellereien mit Edelstahlpressen, in den Dörfern oft noch mit kleinen Handpressen oder sogar mit bloßen Füßen. Der Saft, der Most, kommt anschließend zur Gärung ins Fass, jener magische Moment, in dem Zucker zu Alkohol wird und die Traube ihre Seele preisgibt.
Dann heißt es warten. Manche lassen den jungen Wein nur wenige Monate in großen Glas-damigiane ruhen. Andere setzen auf Holzfassreifung: französische Eiche für Eleganz und eine feine Vanillenote, slowenische Eiche für ein neutraleres Profil oder italienische Kastanie für einen kräftigen, rustikalen Charakter. Jedes Fass erzählt seine eigene Geschichte und kein Winzer trifft je die gleichen Entscheidungen wie sein Nachbar.
Charakterstarke Trauben
Auch die lokalen Trauben sind eigenwillig. Der Sangiovese ist der Allrounder Umbriens: weich, zugänglich, in fast jedem Dorf rund um den Trasimenischen See zu finden. Wer jedoch weiter südlich nach Montefalco reist, trifft auf den stolzen Sagrantino: tiefdunkel, kraftvoll, berüchtigt für seine Tannine. Ein Wein, der seine Sanftheit erst nach Jahren der Reifung offenbart. Er ist mein persönlicher Favorit: stur, eigenwillig und voller Charakter, ganz wie die Umbrer selbst.
Eine Anekdote am Tisch
Und dann sind da die Mittagessen, die zu dieser Jahreszeit einfach dazugehören. Vor einiger Zeit saßen wir an einer langen Tafel bei Nachbarn niederländischer Freunde auf dem Land bei Cortona. Ein köstliches, traditionelles Essen wurde serviert, natürlich begleitet von Wein aus dem eigenen Weinberg. Der Rote erwies sich als ehrlicher, kräftiger Tischwein. Aber der Weiße… Während Fulvio, der betagte Bauer, Winzer und angeheiratete Onkel der Nachbarn, mir ins rechte Ohr seine Hymne auf diesen „fantastischen“ Wein sang, saß meine Freundin Inge mir gegenüber. Sie nahm einen Schluck, verzog das Gesicht und flüsterte: „Das schmeckt wie Pferdepisse.“
Zum Glück versteht Fulvio kein Niederländisch, sodass ich ihn überzeugend versichern konnte, auch sie fände den Wein „ganz besonders“. Wie ich mein Lachen unterdrücken konnte, weiß ich bis heute nicht. Aber vielleicht ist genau das der Kern: Wein ist hier nie nur eine Frage des Geschmacks, sondern vor allem von Geschichten, Lachen und gemeinsamen Momenten.
Was wirklich reift
So reifen in Umbrien und der Toskana nicht nur die Trauben in Fässern, sondern auch Erinnerungen an volle Tafeln und unerwartete Begegnungen. Vielleicht ist jetzt genau der richtige Moment, um eine echte Weinprobe hier zu planen. Nicht nur mit den berühmten Etiketten, sondern auch mit den geheimnisvollen Flaschen ohne Etikett, direkt aus dem Keller des Nachbarn.
Denn am Ende erinnern wir uns nicht an den perfekten Wein, sondern an die Gesellschaft, das Lachen und die Geschichten, die damit gereift sind. Und vielleicht sollten wir uns diese Frage öfter stellen: Was reift in unserem Leben wirklich? Die Flaschen, die wir hüten, oder die Momente, die wir teilen?
Yvette


